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Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
Vorsorge und neueste Behandlungsmethoden


Vortrag von Prim. Univ.- Prof. Dr. Herbert Tilg am 12.01.2010, Klinik Innsbruck
(Text von Mag. Petra Ruso, Gesundheitsjournalistin)

Morbus Crohn ist nach seinem Entdecker, einem Amerikaner, der es 1932 das erste Mal beschrieben hat, benannt. Es handelt sich um eine Entzündung, deren Ursache nach wie vor ungeklärt ist. Die Erkrankungen befallen vorwiegend jüngere Leute, verlaufen in Schüben und sind derzeit noch nicht heilbar.

Der Zeitraum von den ersten Beschwerden bis zur Diagnosestellung ist relativ lange. Im Durchschnitt beträgt er 3 Jahre.. Der Grund liegt darin, dass die Symptome am Anfang sehr unspezifisch sind. Jeder Patient hat hin und wieder ein bisschen weichen Stuhl, etwas Durchfall, Bauchweh, geht deshalb aber nicht gleich zum Arzt. Wenn also der Morbus Crohn nicht primär sehr ausgeprägt und schwer verläuft, wird die Diagnose meist verzögert gestellt. Morbus Crohn wird aber auch deshalb so spät diagnostiziert, weil die Krankheit in Schüben verläuft und die ersten Schübe oft nur kurze Zeit dauern, d.h. es wird als Magen-Darm-Grippe oder Gastritis abgetan.

Doch gerade in der Früherkennung liegt nicht nur der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie, sondern auch die Möglichkeit Spätfolgen zu vermeiden. Denn selbst in jenen Phasen, wo der Patient keine subjektiven Beschwerden hat, wird in der Zwischenzeit die Zerstörung des Darmgewebes vorangetrieben. Schätzungen zufolge sind von
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa rund 80.000 Menschen in Österreich betroffen.

Mittels Ultraschallverfahren können manchmal Darmwandverdickungen, Verengungen, Abszesse, Fisteln oder Komplikationen an anderen Organen festgestellt werden. Der wichtigste Diagnoseschritt ist jedoch die so genannte Endoskopie, die Darmspiegelung. Wenn der Morbus Crohn eine Erkrankung ist, die den gesamten Verdauungstrakt betreffen kann, vorzugsweise aber im letzten Teil des Dünndarms lokalisiert ist, ist die Colitis ulcerosa eine Erkrankung, die eigentlich vom Mastdarm beginnt und kontinuierlich vom Mastdarm den gesamten Dickdarm betreffen kann, aber den Dünndarm und restlichen Verdauungstrakt typischerweise ausspart.
Grundsätzlich handelt es sich bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa eben um so genannte chronisch entzündliche Darmerkrankungen, die bislang als unheilbar gelten. Ob Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa – beide Erkrankungen werden, wie schon erwähnt, von unspezifischen Symptomen begleitet. Allen voran die chronischen Durchfälle. Dabei kommt es zum Auftreten von dünnflüssigen und breiigen Stühlen, die mehrmals (manchmal sogar
zwanzig Mal am Tag oder noch öfter) ausgeschieden werden. Diese können sogar blutig oder schleimig sein.

Aufgrund der entzündeten Darmschleimhaut kommt es zu einem Flüssigkeitsverlust, einem Verlust an Nährstoffen, Vitaminen, Spurenelementen und Mineralsalzen.

Häufig treten auch krampfartige Bauchschmerzen auf, besonders nach der Nahrungsaufnahme. Blähungen sind ebenfalls Begleitsymptome, die diese Erkrankungen mit sich bringen. Gerade die Angst vor Bauchschmerzen und Durchfällen führt oftmals auch dazu, dass Patienten nicht genug essen. Gewichtsverlust und Mangelerscheinungen
sind die Folge. Insgesamt ist das Allgemeinbefinden verschlechtert, in 30% der Fälle kommt es auch zu Fistelbildungen, also Verbindungen zwischen Darmabschnitten, dem Darm und anderen Organen oder der Körperoberfläche. Treten derartige Beschwerden über einen Zeitraumvon vier Wochen auf, sollte unbedingt ein Kompetenzzentrum aufgesucht werden.

Besonders dramatisch an entzündlichen Darmerkrankungen ist, dass vorwiegend junge Menschen betroffen sind. So tritt Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zumeist zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr auf, wobei Frauen und Männer gleich häufig betroffen sind. Im Prinzip ist die Erkrankung aber in jedem Alter möglich. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse gehen davon aus, dass es sich bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa nicht um einzelne Erkrankungen handelt, sondern um ein Spektrum von chronisch entzündlichen Prozessen im Darm. Der Morbus Crohn ist eine Erkrankung, die den gesamten Verdauungstrakt befallen kann, vorwiegend jedoch den Dick- und Dünndarm und eher selten, d.h. in 10-15% auch die Speiseröhre und den Magen. Die Ursachen für diese chronisch entzündlichen Darmerkrankungen konnten bislang wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt werden, vielmehr beruhen sie auf Vermutungen. Bei einem Teil der Patienten liegt wahrscheinlich ein genetischer Defekt
vor. Normalerweise werden Keime oder Bakterien, die nicht in den Verdauungstrakt gehören, durch das Immunsystem mittels einer kontrollierten Entzündung rechtzeitig abgefangen. Bei Morbus Crohn scheint es so zu sein, dass dieser Abwehrmechanismus außer Kontrolle gerät und mehr Entzündung über längere Zeit besteht als notwendig ist.

Wie sich die Erkrankung bei jedem einzelnen entwickelt, kann nicht vorausgesagt werden. Fest steht allerdings, dass für alle Verlaufsformen hervorragende Therapien zur Verfügung stehen. Auch die Auslösefaktoren dieser Erkrankungen sind im Prinzip nicht genau bekannt. Die Erkrankung beginnt meist ohne irgendeinen besonderen
Grund. Gelegentlich findet man jedoch in der Krankengeschichte, Hinweise, dass Patienten im Ausland waren und eine Darminfektion durchgemacht haben, manchmal gibt es auch außertourliche Life-Events, Stressfaktoren, die das auslösen können. Rauchen spielt beim Morbus Crohn eine wesentliche Rolle. Die Erkrankung ist bei Rauchern in der Regel stärker ausgeprägt, die Wirkung der Therapie ist geringer. Die Ernährung, entgegen der weit verbreiteten Meinung, spielt in der Entwicklung von entzündlichen Darmerkrankungen aus heutiger Sicht keine wesentliche Rolle. Grundsätzlich stützt sich die Therapie von entzündlichen Darmerkrankungen auf vier Säulen. Die erste Säule ist die Information des Patienten, die Aufklärung. Man weiß, dass Patienten, die aufgeklärt sind, mit der Erkrankung besser umgehen können, die Therapien besser verstehen und dadurch auch die Medikamenteneinnahme verbessert werden kann. Die zweite Säule besteht in der antientzündlichen Therapie mittels Tabletten, aber auch Einläufen oder Infusionen oder Spritzen. Die dritte Säule besteht in der Substitution von Vitaminen, Eisen, Kalzium, Energie und in Einzelfällen von proteinreicher Zusatznahrung um Mangelerscheinungen und Folgen wie z.B. Osteoporose, Anämie etc. zu verhindern. Als letzte Säule wird auch noch der Anschluss an eine Selbsthilfegruppe empfohlen.

Etwa 70% aller Patienten mit Morbus Crohn werden im Laufe ihrer Krankheitsgeschichte auch mit Operationen konfrontiert. Doch auch im Bezug auf Operationen gab es in den vergangenen Jahrzehnten massive Weiterentwicklungen. Vor allem die Angst vor einem künstlichen Darmausgang ist heute nahezu unbegründet, dies ist durch neuartige Operationsverfahren vermeidbar. Selbst wenn operiert werden muss, wird heute durch die verfeinerten Methoden der Chirurgie sehr zurückhaltend operiert, sodass man nur wirklich schwerstbefallene
Darmabschnitte entfernt und alles andere belässt.

Weitere Informationen:

Prim. Univ.-Prof. Dr. Herbert Tilg
BKH Hall in Tirol, Abteilung für Innere Medizin
Milser Straße 10, 6060 Hall in Tirol
+43/(0)5223/502-0
herbert.tilg@i-med.ac.at

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