Die Kunst Arzt oder Patient zu sein
Dr. Klaus Bolzano Facharzt für Innere Medizin Erkranken Menschen ernstlich oder erleben sie einen Unfall, so fühlen sie sich in ihrer Existenz bedroht. Das Ausmaß dieser Furcht ist bei vielen dieser Erkrankten wesentlich stärker ausgeprägt, als es den heilenden Möglichkeiten im Einzelfall gegenüber angemessen wäre.
So lösen z.B. Diagnosen wie ‚Brustkrebs’ oder ‚Herzinfarkt’ immer ein schreckliches Echo aus, obwohl die damit gemeinten Erkrankungen im konkreten Fall oft sehr gut behandelt werden können. Aber ernstlich erkrankt, fühlt man sich so oder so elend, hilflos und verlassen, kurzum als Opfer. Auf der anderen Seite sind die meisten Ärzte der festen Ansicht, würden sie nur ihr Wissen stets auf dem neuesten Stand halten, fühlten sich die Patienten auch gut betreut. Und da liegt in vielen Fällen der Haken: Der Patient will vorerst einmal in seinem Elend, in seinem Leiden, als unschuldiges Opfer angenommen sein. Das gute Wissen des Arztes setzt er als selbstverständlich voraus. Als Arzt in plötzlicher Erkrankung musste ich selbst diese schmerzliche Erfahrung machen.
Wie war ich um jedes aufmunternde Wort dankbar. In seinem Leiden wird der Mensch durch die vordergründige Erkrankung nämlich in seinem Innersten aufgerüttelt. Und gerade hier und jetzt wird ihm bewusst, dass dieses Innerste voll von versteckten Wunden ist, die sich unter dem Druck der vordergründigen Erkrankung zu Wort melden. Gerade, wenn man sich als hilfloses Opfer erlebt, findet man in seinem Inneren eine reiche Resonanz von früheren Schädigungen, die wegen ihrer Schmerzhaftigkeit ins Unbewusste verdrängt wurden. Diese Defekte, deren Entstehung man mit Recht in der Kindheit suchen muss, bestehen darin, dass den meisten Menschen von ihren Eltern folgende Fehlhaltung eingetrichtert wurde: „Ich, Kind, bin, so wie ich bin, wertlos. In meiner Einmaligkeit bin ich nicht gefragt. Die anderen hingegen, besonders jene, die Macht besitzen, sind wertvoll. Diese muss ich nachahmen, damit ihr wertvolles Sein einmal in mich übergeht.“ So laufen viele Menschen ihr Leben lang dem Besitz, den Positionen, dem Ansehen, der Macht von anderen nach, um durch diese Methode endlich zu ihrem eigenen wertvollen Sein zu gelangen. Da die Basis dieser Haltung ein illusionärer Wahn ist (warum sollten Mächtige denn wertvoll sein, und warum sollte man selbst es werden, wenn man sie nachahmt?), wird solches Streben nie mit Befriedigung belohnt, sondern landet stets in verzweifelter Leere.
Werden solche Menschen ernstlich krank, was geschieht dann? Sie haben ihren Wert, den sie an verkehrter Stelle suchen, nicht einmal im Ansatz erreicht, und erleben nun ein abruptes Ende ihrer Bemühungen.
Kein Wunder, dass sie wie wild um sich schlagen. Wurden sie schon als Kinder den Vorstellungen der Erwachsenen geopfert, und gelangten so in ihre wahnhafte Wertsuche bei anderen, so belebt das neue Opfersein die alte Situation von neuem. Sie fühlen sich wertloser denn je. Daher wird Krankheit so arg erlebt: Es besteht bei den meisten Menschen offensichtlich eine seelische Störung hinter der Krankheit, die so genannte innerste Krankheit. Diese rückt jetzt plötzlich in den Vordergrund. Und sie gilt es zu beachten. Will man den Patienten nicht bloß reparieren, sondern ihn einer Heilung zuführen, so müssen sich alle Beteiligten dessen bewusst sein, dass wahre Heilung nur dann möglich ist, wenn man sich neben der vordergründigen Erkrankung dem tief sitzenden Leiden zuwendet.
Die Kunst Arzt zu sein, bestünde in diesem Kontext darin, um dieses Aufflackern innerster Störungen in der vordergründigen Erkrankung zu wissen, und dem Kranken ein heilendes Ambiente zu verschaffen. Ärzte solchen Stils müssen von jung an von ihren Lehrern in Empathie geschult sein, sie müssen eine klinische Umgebung in familiärem Stil und voll ruhiger Zuversicht erzeugen, dass Kranke wie Angehörige sich geborgen fühlen. So sehr bei allen Ärzten eine fachliche Kompetenz Grundvoraussetzung ist, so wichtig sind ihre menschlichen Fähigkeiten, die den Kranken samt seinen innersten Problemen aufzufangen vermögen. Die Kunst Patient zu sein, besteht wohl in mehreren wichtigen Faktoren: Zum ersten sollen sie sich dem kompetenten Arzt und seinem Team voll und ganz anvertrauen.
Auf der anderen Seite aber sollten sie sich von den medizinischen Autoritäten auf ihre eigenen Füße stellen lassen und die Verantwortung für die eigene Krankheit übernehmen. Sie selbst sind an erster Stelle für ihr eigenes Vorankommen zuständig. Heilung kann nur geschehen, wenn Arzt und Kranker auf derselben Augenhöhe miteinander agieren, wenn der Patient sich nicht als Opfer von der Krankheit überrollen lässt, sondern sein Geschick in die Hand nimmt, und sich darum bemüht, gerade in der Krankheit sein Selbst zu entwickeln und zu stärken.
Neben der Übernahme der Verantwortung sollten die Kranken lernen, an sich zu glauben. Dies wird verstärkt durch eine entsprechend optimistische Einstellung von Ärzten und Pflegepersonal. Dann sollten noch folgende Haltungen eingenommen werden: Erstens wäre es gut, die Kranken würden sich Schritt für Schritt für all das Gute, das ihnen in ihrem Leben widerfahren ist, bedanken. Weiters sollten sie in ihr Eigenes blicken, und darin alles fördern, was kreativ, schön, gut ist, und was sie von sich aus wertvoll macht. Und zu guter Letzt sollten sie sich mit allem versöhnen: Zuerst einmal mit dem eigenen Körper. Mit diesem sollte man sich befassen, mit ihm sprechen, ihm in der Krankheit helfen, statt ihm die Schuld der Krankheit anzulasten. Aber es geht auch um Versöhnung mit den Verwandten, Freunden und allen Menschen, mit denen der Kontakt Defekte aufweist. All diese Verhaltensweisen gepaart mit einer guten Dosis Humor lassen die Kranken in ihrem Selbst wachsen, und geben ihnen die Kraft, die vordergründige Erkrankung leichter zu bewältigen und sich letztendlich den innersten Problemen, die sie von Kind an mit sich herumtragen, unter geschulter Anleitung zu widmen.
Betrachtet man all diese Punkte, so kann man leicht erkennen, dass Krankheit und Leiden nicht einfach nur vor schier unlösbare Probleme stellen, sondern für die Betroffenen, werden sie richtig angeleitet, eine große Chance sind, auf sich selbst drauf zu kommen.
Dr. Klaus Bolzano Facharzt für Innere Medizin
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