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Ein Tabuthema auf den Tisch bringen

Mindestens 80.000 Österreicher leiden an der Darmkrankheit Morbus Crohn. Trotz Zunahme wird diese Krankheit gern verschwiegen.

Es kann passieren, dass die Betroffenen bis zu 20-mal aufs Klo müssen. Täglich. Wegen Durchfalls. Morbus Crohn oder die ähnlich verlaufende Colitis ulcerosa sind extrem unangenehme, nicht heilbare Krankheiten. Aber solche, die lieber verschwiegen werden, von den Patienten, aber auch von der Gesundheitspolitik, ärgert sich Uni-Professor Walter Reinisch vom Wiener AKH.

"Stuhlgang und Darm sind natürlich kein schönes Tischthema. Aber es ist wichtig", betont Reinisch und hofft auf ein bisschen mehr öffentliche Unterstützung. Denn gerade habe die EU-Kommission ein internationales Forschungsprojekt zum Thema abgelehnt, das 15 Experten eingereicht haben. "Das ist abgeprallt. Mit unserem Thema sind wir dritte oder vierte Wahl. Gesundheitspolitiker erfassen das Problem einfach nicht."

Dabei das ist größer als vermutet: Allein in Österreich leiden mindestens 80.000 Menschen an Morbus Crohn. Die Tendenz ist jedenfalls steigend, denn in den vergangenen 15 Jahren seien um 270 Prozent mehr Betroffene in Krankenhäusern stationär wegen dieser Darmentzündung behandelt worden. Doch es fehlen exakte Daten aus den Ordensspitälern und dem Bereich der niedergelassenen Ärzte, kritisiert der Mediziner.

Vermehrte Forschung wäre genauso wichtig wie Aufklärungskampagnen. Einerseits, weil die Medizin die exakten Ursachen von Morbus Crohn noch nicht kennt. Vermutet werden genetische Anlagen oder auch Umwelteinflüsse, da vor allem die Nahrungsaufnahme. Andererseits wissen die Österreicher kaum über die Krankheit Bescheid: 2006 konnten in einer Studie mit 1000 Befragten bloß sieben Prozent den Begriff richtig zuordnen.

Durchschnittlich dauert es 3,1 Jahre, bis die Krankheit richtig diagnostiziert wird, in 30 Prozent der Fälle sogar fünf Jahre. Bis dahin kämpft der Patient mit gar nicht oder falsch behandelten Schmerzen und Durchfällen. "Das muss man sich einmal vorstellen: drei Jahre Leidensweg", sagt Reinisch. "Das ist natürlich ein Wahnsinn, vor allem bei einer Krankheit, die progressiv verläuft."

Tour durch die Länder

Reinisch pilgert in nächster Zeit durch die Bundesländer, um Politiker wie Gesundheitsexperten auf die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen aufmerksam zu machen. Pro Bundesland sollte es künftig zumindest ein Spital geben, das Spezialisten auf dem Gebiet aufzuweisen hat, besser wären freilich mehrere Krankenhäuser, so Reinisch.

Denn die Folgen von unerkannten Erkrankungen sind nicht nur gesundheitlich enorm, sondern auch psychisch: Oft trauen sich Betroffene nicht mehr unter Menschen, bekommen auch Probleme mit dem Job. Dabei könnte ihnen geholfen werden: "Der Zustand von 70 bis 80 Prozent der Patienten kann gebessert werden, je früher sie kommen, desto besser", betont Reinisch.

Schon jedes zweite Kind hat Darmprobleme

Auffallend ist, dass auch immer mehr Kinder an Erkrankungen im Darmbereich leiden. "Meine jüngste Patientin war erst sechs Jahre alt", erinnert sich Henning Sartor, Facharzt für Allgemeinmedizin im Gesundheitshotel Spanberger im obersteirischen Gröbming. Er geht davon aus, dass die Hälfte aller Kinder an Darmproblemen zu leiden hat.

Die müssen nicht zwangsläufig in chronischen Entzündungen enden, das kann aber passieren. Warum es die Zunahme an Erkrankungen auch bei Kindern gibt, ist unklar. Möglich ist neben dem Essverhalten aber auch zu viel Hygiene. Sartor empfiehlt vor allem weniger Zucker in der Nahrung, aber auch langsameres Essen als Hilfsmittel gegen diese Probleme. "Der Speichel sorgt dafür, dass bereits viel im Dünndarm geschafft wird und der Dickdarm nicht mehr so belastet wird."
Das ließe sich auch Kindern erklären. Dem sechsjährigen Mädchen wurde das etwa spielerisch beigebracht: Es musste sein Essen während eines Brettspiels so lange kauen, bis es wieder mit dem Würfeln an der Reihe war.

Info: Zwei sehr ähnliche Erkrankungen
Morbus Crohn

Eine chronische, schubförmige Entzündung, die den Dünn-, aber auch den Dickdarm betreffen kann. Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 15. und 34. Lebensjahr auf. Typische Symptome: Bauchschmerz, Durchfälle ohne Blut. Behandelt wird Morbus Crohn u. a. medikamentös (mit Entzündungshemmern wie etwa Kortison oder Mitteln, die die Durchfälle stoppen). In schweren Fällen (z. B. Blutungen) ist oft auch ein chirurgischer Eingriff erforderlich.

Colitis ulcerosa
Dabei handelt es sich um entzündliche Geschwüre im Dickdarm, die häufig bluten. Auch diese Krankheit beginnt meist in jüngeren Jahren. Typische Beschwerden sind blutiger Stuhl, Durchfälle und Leibschmerzen. Die Ursachen für die Erkrankung sind weitgehend unbekannt. Therapeutische Optionen sind neben einer Ernährungsumstellung (Vermeidungsdiät) entzündungshemmende Medikamente oder im Extremfall eine chirurgische Entfernung von Teilen des Dickdarms.

Artikel vom 29.03.2010 18:15 | KURIER | Elisabeth Holzer

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