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Wiener Zeitung 6.11.2009

Experten wissen seit Jahren, dass Mykobakterien chronische Darmleiden auslösen

Die Milch macht’s – krank!

Von Christa Karas

Zusammenhang in Fachpublikationen hinlänglich belegt.
Erreger überleben locker übliche Form der Pasteurisierung.


Wien. Milchprodukte enthalten häufig Mykobakterien, die unter Umständen zum Auslöser für chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn werden können. Ein entsprechender Bericht in der "Wiener Zeitung" vor einer Woche wurde mittlerweile von Human- und Veterinärmedizinern bestätigt, die seit Jahren mit diesem Zusammenhang befasst sind.
Keine Reaktion erfolgte bisher von Seiten der Hersteller von Milchprodukten, denen das Problem ebenfalls seit Jahren bekannt sein muss, titelte doch das britische Massenblatt "Daily Mail" bereits im August 1998: "Erreger von Morbus Crohn in Milch gefunden."

Damals hatten Untersuchungen des britischen Ministeriums für Landwirtschaft den Erreger Mycobacterium paratuberculosis (MAP) in zehn von 31 Rohmilchproben und in sechs von 31 Proben pasteurisierter Milch nachgewiesen, der bei Rindern, Schafen, Ziegen und einigen Wildtieren für die bis heute unheilbare Darmentzündung Paratuberkulose verantwortlich ist. In der Folge konnten Wissenschafter – zuletzt, wie berichtet, in Israel – auf molekularbiologischer Ebene nachweisen, dass bestimmte Genveränderungen Mensch und Tier dazu prädestinieren, an einer MAP-Infektion zu erkranken.

In Österreich, schätzen Experten, weist rund ein Prozent der Bevölkerung eine solche Genveränderung auf – was ziemlich deckungsgleich mit der Zahl von rund 80.000 derzeit an chronischen Darmentzündungen wie Morbus Crohn Leidenden hierzulande ist. Im Hinblick darauf, dass aber viele Fälle – etwa im ländlichen Raum – gar nicht diagnostiziert werden, dürfte es freilich noch mehr Betroffene geben.

Klasse statt Masse

Wissenschafter haben weltweit mehrere Genveränderungen – zuletzt am CARD15/NOD2-Gen – entdeckt, die in Kombination mit kontaminierten Milchprodukten die fatalen Folgen haben; dass es noch weitere gibt, wird nicht ausgeschlossen. In jedem Fall wäre es aber viel zu aufwendig, durch Gentests Menschen mit diesem Risiko erfassen zu wollen.

Stattdessen ist die Milchwirtschaft gefordert, das Problem nicht länger zu ignorieren, das sie sich zum Teil selbst zuzuschreiben hat – nicht zuletzt durch die Einführung bestimmter Rinderrassen, die als extrem MAP-anfällig gelten, wie etwa Michael Schönbauer, Fachtierarzt für Pathologie und beeideter, gerichtlich zertifizierter Gutachter für Veterinärmedizin in Innsbruck, weiß: "Die Bauern haben zu lange auf Masse gesetzt und mit diesen ‚Turbokühen‘ die Misere mitverursacht."

Schönbauer hat sich mehr als jeder andere in Österreich mit den Sachverhalten auseinander gesetzt, nachdem er bei seinen zahlreichen Milchuntersuchungen nicht selten auf beeindruckende MAP-Mengen stieß. Beliebt hat er sich dadurch ebenso wenig gemacht wie die damit befassten Wissenschafter. Wie weit das gehen kann, beschreibt er so: "Bemerkenswert erscheint mir zu erwähnen, dass Frau Sabine Rüsch Gerdes vom Referenzzentrum für Mykobakterien von Germania in Borstel bei Hamburg vor Jahren größte Schwierigkeiten hatte, eine Publikation unterzubringen, die einen Patienten beschrieb, der an MAP-Sepsis verstorben war. Auch das gibt es."

Eine an Paratuberkulose erkrankte Kuh scheidet 100 Millionen MAP pro Gramm Kot aus. Die Erreger überleben infektionsfähig in großer Zahl die verordnete Pasteurisierung (15 bis 30 Sekunden bei 72 bis 75 Grad), ja sogar stärkere Erhitzungen. Die großen britischen Milchverarbeiter reagierten seinerzeit sofort und erhöhten die Temperatur ebenso wie die Dauer der Erhitzung. – Hierzulande kann nur dazu geraten werden, Säuglinge so lange wie möglich zu stillen bzw. allenfalls zur ultrahoch erhitzten Milch zu greifen.

Printausgabe vom Freitag, 06. November 2009

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