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Darmprobleme können sehr ernste Gründe haben

Von unserer Redakteurin Sabine Rother | 19.05.2008, 15:04



Aachen. Dieser «Blick zurück» kann Leben retten: Es geht um die Toilette und was dort geschieht, um einen Bereich und um «Materialien», die noch immer zu den größten Tabus gehören.

Es ist vielen peinlich, über Darm und Stuhlgang, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall zu sprechen, kurz über Dinge, die mit dem Makel «unsauber» behaftet sind: Doch wenn man einmal bedenkt, wie gut es uns bei normaler Verdauung geht, sollten wir uns überwinden: «Probleme mit dem Darm» lautet das nächste große Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 27. Mai, 18 Uhr, im Großen Hörsaal 4 (GH 4) des Klinikums (Aachen, Pauwelsstraße).

Als Expertinnen und Experten geben diesmal Rat und Hilfe: Dr. Brigitte Hajeck-Lang, Biologin, Ernährungsmedizinerin und Fachärztin für Allgemeinmedizin; Dr. Dirk Icking, Facharzt für Innere Medizin mit Praxis in Aachen; Dr. Alexander Lichtenstein, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, sowie Professor Dr. Wilhelm Berges, Gastroenterologe, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin am Luisenhospital, und Professor Dr. Volker Schumpelick, Direktor der Klinik für Chirurgie am Universitätsklinikum.

Wichtige Kontrolle

Was ist mit dem «Blick zurück» gemeint - natürlich die Kontrolle des Stuhlgangs. Hat er eine Farbe, die vom bräunlichen Normalton stark abweicht? Ist Blut aufgelagert? Ist er vielleicht sogar hellrot? Das sind Alarmzeichen, die auf eine harmlose Störung, aber auch auf ein ernstes Problem hinweisen könnten, und das muss der Arzt klären. «Ein Durchfall kann Prüfungsangst begleiten, jeder hat mal Blähungen oder Verdauungsprobleme, aber treten diese Dinge häufig auf, müssen wir etwas unternehmen», betont Dirk Icking.

«Es gibt Situationen, da liegt ein Blutfaden auf einem wohlgeformten Stück Stuhl, da bin ich alarmiert.» Nicht immer ist der Darm erkrankt, wenn der Mensch Beschwerden hat: «Es gibt Unverträglichkeiten, die sich so zeigen», weiß der Internist. Häufig kann der Körper zum Beispiel Milch und Milchprodukte nicht vertragen (Laktose-Intoleranz). «Der Urmensch hat keine Milch getrunken, höchstens als Baby», so Icking. «Der Laktoseabbau war ursprünglich gar nicht vorgesehen.»

Als Gastroenterologe ist auch Alexander Lichtenstein hier sehr aufmerksam. Er, der vielfach per Darmspiegelung (Koloskopie) die oft entscheidende Diagnostik übernimmt, Gewebeproben gewinnt, Geschwülste (bis zu einem Zentimeter Durchmesser) per Laparoskop entfernen kann, hat in manchen Fällen sogar die Spiegelung verschoben: «Darmbeschwerden können bei Frauen eine gynäkologische Ursache haben, nicht selten handelt es sich sogar um einen Bandscheibenvorfall.» Eine weitere Möglichkeit, etwas über das Organ herauszufinden, ist ein spezieller «Atemtest».

Zunächst wird beim Patienten eine Nüchtern-Probe aus der Ausatemluft entnommen. Es erfolgt die Gabe eines Testzuckers. Danach wird in gewissen Abständen die Wasserstoff-Konzentration in der Ausatemluft gemessen. Lichtenstein: «Daraus können Rückschlüsse auf die Verdauungsstörung gezogen werden.» Dennoch bleibt das Endoskop ein wichtiger Helfer: «Seit 40 Jahren ist die Spiegelung ein unverzichtbarer Teil der Darmdiagnostik, trotz aller Neuentwicklungen in der Medizin», stellt Lichtenstein fest. «80 Prozent der Untersuchungen dienen ja zum Glück dem Ausschluss.»

Der Darm, dessen gesamte Oberfläche (könnte man sie ausbreiten) die Größe eines kompletten Fußballplatzes hat (!), verfügt über die größte biologische Population im Körper. Etwa 1000 Bakterien pro Gramm Darminhalt gibt es im oberen Dünndarm, im unteren sind es schon eine Milliarde, und man schätzt, dass es im Dickdarm nochmals das Tausendfache von dieser Menge ist.

Und hier wirken sie tüchtig bei der Verdauung mit: Bakterien sind unter anderem für die Aufspaltung der pflanzlichen Nahrungsbestandteile mit verantwortlich. Darm und Psyche - eine Verbindung, die für Icking stets zur Diagnose gehört.

Komplizierte «Detektivarbeit» hat auch eine Ernährungsmedizinerin wie Brigitte Hajeck-Lang zu leisten. «Blähungen, Völlegefühl, Durchfall - häufig sind Unverträglichkeiten die Ursache, aber auch der Stress», so die Ärztin. Schon hektisches Essen ist ungesund. Nicht selten sieht man Menschen, die umfänglich belegte Baguettes, Gyros-Portionen oder riesige Brötchen im Laufen oder beim Warten auf den Bus, vertilgen. «Das tut nicht gut, ich habe sogar schon Leute erlebt, die etwas im Gehen von einem Teller essen», beobachtet die Ernährungsmedizinerin ihr Umfeld. «Kein Wunder, wenn man irgendwann unter einem Reizdarm leidet.»

Mit Autogenem Training und einem anderen Verhalten kann hier schon geholfen werden. «Es gibt immer mehr Kochsendungenund -bücher, niemand lernt daraus.» Und die Zutaten? Sie sollten möglichst unbehandelt sein: Frische Kartoffeln statt Brei aus Pulver, Frischkäse statt Schmelzkäse, Naturjoghurt mit Erdbeeren oder anderen Früchten statt fertig aromatisierte Mischungen, Schinken statt Schinkenwurst. Brigitte Hajeck-Lang könnte die Liste leicht fortsetzen. «Es ist wichtig, die Darmflora aufzubauen und zu erhalten.»

Die sogenannten «Probiotika», Milchprodukte mit widerstandsfähigeren Bakterien, sind gut für die Gesundheit, also «für das Leben» (griechisch «pro bios»). Übrigens: So positiv Vollkornprodukte erscheinen, bei Darmproblemen sind sie nicht zu empfehlen, denn sie quälen das Organ. «Wenn schon Vollkorn, rate ich zu feingeschrotetem Dinkel», rät Brigitte Hajeck-Lang. Zweieinhalb Liter Wasser (Durchschnittsgewicht 75 Kilogramm) sollte man täglich trinken, um dem Darm zu helfen. «Ein trockenes Milieu ist für die Bakterien im Darm gar nicht gut.» Bei Verstopfungen sind nicht nur die Schmerzen im Bauch gefährlich: «In schweren Fällen drohen sogar Vergiftung und Leberüberlastung, denn Stoffe wie Ammoniak sind im Stuhl und müssen ausgeschieden werden.»

Die Lebensführung ist ein extrem wichtiger Aspekt, wenn schwere chronisch-entzündliche Erkrankungen wie «Morbus Crohn» und «Colitis ulcerose» auftreten. «Oft sind die Patienten noch jung, aber die Krankheit lässt sich nicht ausheilen, man kann nur an der Besserung der Symptome arbeiten», weiß Wilhelm Berges.

«Die Forschung ist weltweit intensiv auf der Suche.» Wer an «Morbus Crohn», benannt nach dem US-Magenspezialisten Crohn, erkrankt, kann in allen Bereichen des Magen-Darm-Traktes betroffen sein, quasi vom Mund bis zum Schließmuskel. Nicht selten werden kranke Darmsegmente entfernt, wenn eine medikamentöse Behandlung (meist mit Kortison) nicht hilft.

Ein wahrer «Flächenbrand» ist die «Colitis ulcerosa» (Geschwürige Darmentzündung»), wobei kleine Abszesse in den Drüsen der Darmschleimhaut entstehen. Beim schweren Verlauf entwickeln sich Fisteln mit «Fistelstraßen», die bis zu Blase und Vagina wandern, in Gelenken, Leber und sogar an der Haut zu Schäden führen. Bei einer gering ausgeprägten Erkrankung können auch lediglich die unteren Zentimeter des Enddarms betroffen sein.

Tumor entfernen

Oft ist der operative Eingriff am Darm die einzige Chance, um zu helfen. «Dass ein Tumor entfernt wird, dass wir nur so gegen den Krebs im Darm kämpfen können, ist selbstverständlich», betont Volker Schumpelick. «Aber auch die Divertikulitis kann eine tödliche Gefahr sein.» Die bei manchen Menschen zahlreich sich bildenden Aussackungen in der Darmwand, von denen inzwischen jeder zweite im Alter über 60 Jahre betroffen ist, neigen zu Entzündungen und führen zu heftigen Beschwerden.

Gibt es den Durchbruch (Perforation) in die Bauchhöhle, besteht Lebensgefahr. «Bei wiederholten Schüben sollte der betroffene Darmteil entfernt werden», betont Schumpelick. Wie kommt es zur Krankheit? «Eine Wohlstandserkrankungen», erklärt der Chirurg. «Schlackenarme Ernährung, Fast Food, wenig Bewegung, das begünstigt die Aussackung des Darms.»

Ein weiteres Risiko stellen die zu Anfang gutartigen Polypen im Darm dar. «Laparoskopisch kann man viele abtragen, das Krebsrisiko besteht.» Seine Erkenntnis: «Wir laufen auf eine Alterschirurgie zu. Die Hoffnung, im Alter keinen Krebs mehr zu bekommen, müssen wir vergessen. Es gibt keinen Krebs, der sich selbst ausheilt oder im Alter besonders langsam wächst», betont Schumpelick. «Wer die angebotene Darmvorsorge ernst nimmt, hat erkannt, wie man gegen den Darmkrebs aktiv kämpfen kann, der heutzutage längst keine Todeskrankheit mehr sein muss!»

Quelle: AZ-WEB.DE Aachener Zeitung

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