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Österreichische Morbus Crohn-Colitis Ulcerosa Vereinigung


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Nachfolgend werden die sehr persönlichen Gedanken eines Ordensgeistlichen im Umgamg mit seiner Erkrankung und sein Weg zum Glauben wiedergegeben:

EIN LEBEN IN DER KRAFT DES GEKREUZIGTEN
Pater Clemens

Für uns alle wird der Zeitpunkt kommen, in dem wir vor Gottes Angesicht stehen und ihm danken. Wir werden ihm auch und gerade für das danken, was er uns im Leben an Schwerem und Leidvollem zugemutet hat, als wir uns im Leid ganz allein gelassen meinten.
Das Maß der himmlischen Freuden wird sich auch nach dem Maß unseres irdischen Leidens bestimmen. Daran glaube ich felsenfest, auch deswegen, weil ich (ansatzweise) solche Erfahrungen machen durfte.
….. Wir freilich meinen, wenn sich scheinbar für längere Zeit „nichts tut“, Gott höre und reagiere nicht! Meine tiefste Überzeugung ist jedoch, dass Gott alle Gebete, die wir an ihn richten, auch alle Gebete um Heilung für uns und andere nicht nur hört, sondern sie auch ins Werk umsetzt.

So finden auch manche unserer Bitten ihre Erhörung erst jenseits der Todesgrenze. Was haben wir doch schon oft und inständig um Heilung kranker Menschen gebetet – und sie sind gestorben! Wo war da Gott? Warum hat er unsere Gebete nicht erhört? …. In einer für uns nicht sichtbaren Weise hat er die betreffenden Kranken auf eine Weise berührt, die für die Sterbenden das größtmögliche Geschenk darstellte.

Das Gesagte gilt auch für uns, wenn der „Erfolg“ unserer Gebete anscheinend ausbleibt. Es kann manchmal Jahre dauern, bis wir plötzlich rück¬blickend erkennen: Gott hat an uns Großes getan! Und wenn es „so lange“ gedauert hat, so nicht etwa deswegen, weil er unsere Treue und Stand¬haftigkeit auf die Probe stellen wollte. Vielmehr war er von Anbeginn am Werk, auf eine uns verborgene Weise, und in unserer Seele vollzog sich ein heilsames Geschehnis. Das gilt auch für mein Leben und Leiden, wovon ich Zeugnis geben möchte.

Ich bin im Glauben aufgewachsen, an der Seite einer tiefgläubigen Mutter, die mich und meine Geschwister in eine kindlich-natürliche Beziehung zu Jesus hineingeführt hat. Z.B. in ersten Tagen meiner Schulzeit hatte ich ungestüm einen Radunfall verursacht und mir dabei eine relativ harmlose, aber dennoch so stark blutende Wunde an der Hand zugezogen, dass ich aus Angst vor elterlichem Donnerwetter mit schlechtem Gewissen am folgenden Tag unsere Pfarr¬kirche aufsuchte, in dessen düsterer Kapelle ein lebensgroßes Kreuz hing, vor dem ich mich eigentlich immer ein wenig gefürchtet hatte. Aber es hing tief genug, dass ich mit meiner verletzten Hand die Zehen des Gekreuzigten berühren konnte. So streckte ich mich schon damals nach ihm aus! Eine kleine Narbe an der rechten Hand trage ich bis heute, als Erinnerung an diese Szene.

Neben dieser kindlich-natürlichen Beziehung zu Jesus prägte noch etwas anderes meine frühen Jahre: die Krankheit, das Kreuz. Mit 5 Jahren erlitt ich einen ersten, nicht vorherzusehenden asthmatischen Erstickungsanfall. Obwohl meine Eltern Ärzte sind, konnten sie in diesem Augenblick den Anfall nicht behandeln, da keine entsprechenden Medikamente im Haus waren. So formte sich in mir sehr früh eine Grunderfahrung: So ist es halt im Leben - es gibt Situationen, da können dir die Menschen nicht helfen. Die folgenden 10 Jahre standen unter der Bedrohung der Asthma-Anfälle: Ich konnte nirgendwo so richtig mitmachen, weder beim Sport noch bei Schulausflügen. Turnstunden und andere körperlich anstrengende Veranstaltungen waren eine Qual für mich. Schon als 5-jähriger hatte ich mich einer ersten Operation zu unterziehen, bei der mir die Polypen entfernt wurden. Das Auftreten der dabei handelnden Personen und das Ambiente des Operationssaales beeindruckten mich dermaßen, dass für mich feststand: Ich werde Chirurg!

Dieser Entschluss geriet zum ersten Mal ins Wanken, als ich 8-jährig mit meiner Mutter zur Weihnachtszeit den festlich geschmückten Pfarrhof besuchte, in dem es nach Weihnachtsbäckerei und Tannenreisig duftete und ein alter Kaplan – so etwas gab es damals noch – heraus kam. Er lächelte so freundlich, und es duftete nach Kaffee. Da überlegte ich, ob die geistliche Laufbahn nicht auch etwas für mich wäre? …. Als ich 10 Jahre alt war, befand sich mein älterer Bruder gerade in den Flegeljahren, die er u. a. gerne so auslebte, dass er eine meiner Schwestern auf jede mögliche Weise sekkierte. Eines Tages hielt ich ihm spontan eine Moralpredigt, wie sich denn sein Verhalten damit vertrüge, mit Kirche und sonntäglicher Kommunion? Diesen moralischen Appell beantwortete mein Bruder mit der keineswegs ironisch gemeinten Bemerkung: „Du könntest eigentlich ein guter Priester werden“. In diesem Augenblick kam die Erinnerung an die weihnachtliche Pfarrhausatmosphäre in mir hoch. Es war sicher kein Zufall, dass meine Mutter Zeugin dieses Dialogs wurde; sie erzählte uns Kindern über das Schöne und Erhebende des Priester¬berufes, sodass in mir der Entschluss reifte: Ich werde Priester. Fortan bestand meine Lektüre vorwiegend aus Heiligenbiographien, die mich spirituell so formten, dass ich mit 13 Jahren mein Leben Jesus übergab.

Mit 15 Jahren vollzog sich in meinem gesund¬heitlichen Befinden ein böser Tausch: Das Asthma verschwand, und an seine Stelle trat Morbus Crohn, eine unheilbare Darmerkrankung. Der erste Schub war lebensbedrohlich, und ich hatte eine erste Erfahrung der Todesnähe. Die Frage nach dem Wesen des Sterbens stellt sich, die Frage nach Lebenszeit und Ewigkeit. Eine Art von Sehnen nach Ewigkeit war da, aber keine Todessehnsucht. Vielmehr hielt ich fest an einem Optimismus, genesen zu können trotz ungünstiger Prognose. Der 2. Schub folgte ein Jahr später, war mit einem 3-monatigen Krankenhausaufenthalt massiver als der 1. Auf der Internen Station hatte ich prägende Begegnungen mit krebskranken Kindern, die Erfahrung, was „Fasten“ (die Ernährung geschah intravenös), aber auch, was „Essen“ (nach der Entlassung) bedeutet.

Mit 17 Jahren suchte ich bei den ersten Anzeichen eines weiteren Krankheitsschubs einen Friedhof auf, wo in mir, angesichts der Lebensdaten auf den Grabsteinen, nicht nur Reflexionen über die Kürze des menschlichen Lebens aufstiegen, sondern auch der sehnsüchtige Wunsch: „Ich möchte wenigstens das 30. Lebensjahr erreichen, den 1. Jänner 1991! So könnte ich doch einen Beitrag zum Leben leisten“.

Doch danach sah es in der Folgezeit nicht aus. Die Krankheit zwang mich in stets neuen Schüben dazu, der Schule fernzubleiben, den Kontakt zu Kameraden zu unterbrechen und, was noch schlimmer war, sie entriss mich immer wieder meiner Familie. Das Schlimmste freilich waren die demütigenden Begleiterscheinungen der Krankheit, die „Schmach der vollen Hose.“ Diese Art von Darmkrankheit ist ein sehr unästhetisches Leiden, das in seinen körperlichen Symptomen der Umwelt nicht verborgen bleiben kann. Das war die härteste Zumutung. Diese Demütigung vor den Klassen¬kameraden! So ist es nicht verwunderlich, dass ich mit Gott haderte, besonders im Maturajahr, das ich über weite Strecken im Spital verbringen musste. Was sollte aus mir werden, wenn ich, bei dieser körperlichen Beeinträchtigung, die Matura nicht schaffen würde?

Trotz großer körperlicher Schwäche schaffte ich sie aber doch. Die Nöte der Krankheit, die Unsicherheit der Zukunft ließen in mir den Entschluss reifen, nun aber doch Medizin zu studieren. Die demütigenden Auswirkungen dieser Krankheit sollten auch während meines Medizin¬studiums in Wien nicht ausbleiben. Schon während der ersten Vorlesung, zu der ich so voller Erwartung angetreten war, schlug die Krankheit zu. Volle Hose bei vollem Hörsaal. Einen Tag lang Rebellion gegen Gott. Schließlich doch wieder: Dein Wille geschehe!

Obwohl die Krankheit sozusagen programmgemäß fortschritt, meinte ich doch eine gewisse Stabilisation zu verspüren und Hoffnung keimte auf. Auf Einladung einer der „Schwestern der Jüngersuche“ lernte ich auch den Orden der Kalasantiner kennen – und damit brach die alte Sehnsucht nach dem Priestertum wieder auf. Warum eigentlich sollte ich das Medizinstudium zu Ende führen? Sommer 1983 entschloss ich mich, den ersten Abschnitt des Medizinstudiums zu absolvieren und dann ins Kloster einzutreten. Damalige Tagebucheintragung: „Herr, du darfst mein Leben haben, wie immer du es haben willst“.

Am Tag nach dieser Eintragung überfielen mich heftige Schmerzen in der Hüftgegend in Verbindung mit hohem Fieber, die ich mit dem Ischiasnerv in Verbindung brachte. Anstatt zur Vorlesung kam ich ins Krankenhaus. Wieder das Hadern mit Gott. Habe ich dir deswegen und dazu mein Leben übergeben? Die ärztliche Diagnose: Eine durch Morbus Crohn verursachte Vereiterung, die auf den Ischiasnerv drückt. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus 3 Monate später auch wieder die Frage nach dem Berufsziel: Priester oder Arzt?

… Ich trete in den Orden ein.

2 Jahre nach meinem Eintritt ein erneuter Krankheitsschub, der 3 Operationen nötig macht. Wieder die Frage nach dem Warum. Bete ich zu wenig? Bete ich nicht richtig? Ist mein Glaube zu klein? Selbstvorwürfe, Schuldzu¬weisungen an mich – ich falle schuldhaft anderen zur Last! Auf der Intensivstation verstirbt friedlich und lebenssatt eine 86jährige Ordensschwester – warum, Herr, durfte sie dir so lange dienen, und ich, der dir dienen will, liege hier mit meinen 24 Jahren?

Ich überstehe auch diesen Schub und kann mit der Gemeinschaft eine Wallfahrt nach Parayle-Monial unternehmen…… einfach hin¬nehmen, was kommt! Ich lerne es, das Kreuz zu umarmen.

1989 werde ich zum Priester geweiht. Wenige Wochen später zeigen sich die Symptome eines neuen Schubes: undichte Bauchdecke, Fisteln brechen durch. Eine neuerliche Operation ist unvermeidlich. Trotz hohen Fiebers nehme ich aktiv an Exerzitien teil, die von unserer Gemeinschaft durchgeführt werden. Kein Wunder, dass eine Teilnehmerin stark beeindruckt ist von meinem Gebet und meiner Handauflegung. Auf der Heimfahrt im Bus bekennt sie: „Welch starke Kraft geht von Ihren Händen aus!“. Der Heilige Geist hat sicher das Seine getan – was die Frau an wärmender Kraft wahrgenommen hat, das kam freilich vom Fieber, das schon auf fast vierzig Grad gestiegen war!

Die folgende Operation war die bisher schwerste. Alle wussten das. Der Priester, der mir am Vorabend die Krankensalbung spendete, formulierte das Risiko auf seine Art: „Wenn du stirbst, dann sei für uns künftig ein starker Fürbitter!“. Erneut Darmresektion; Entfernung von Fisteln und Verwachsungen, was eine Ausladung der Gedärme notwendig machte, mit der damit verbundenen Gefahr: paralytischer Ileus – wenn nämlich die Gedärme ihre Tätigkeit nicht wieder aufnehmen und es zum Darmverschluss durch Darmlähmung kommt. Aus meinen medizinischen Lehrbüchern wusste ich noch, dass die Sterblichkeit in solchen Fällen bei 80 Prozent liegt.
Nach der Operation erlebte ich mich mehrere Tage dem Tod ganz nahe. Keine Darmtätigkeit, aufgedunsener Bauch. Mein Blick fiel auf meine Hand: die Hand, diese Hand, meine Hand – in wenigen Tagen wird sie vielleicht schon begraben! Wie ein Posaunenstoß bricht diese Vorstellung in mein Bewusstsein. Richtig beten konnte ich nicht mehr. Nur noch das eine: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich! Plötzlich dieses erschreckende Erkennen: Es zählt nur das im Leben, was vor Gott Bestand hat. Es zählt nicht mehr menschliche Zustimmung, Anerkennung, Beifall. Dazu die Erschütterung über Zeitvergeudung, vertane Chancen zu sinnvollem Tun. Herr, vergib!

Heute weiß ich, dass diese Situation von damals ein großes Geschenk war und immer noch ist. Dieser Augenblick des Erkennens und der Erschütterung bleibt mir unvergessen und ist der Hintergrund, vor dem mein aktuelles Leben abläuft. Er relativiert alles, was um mich herum passiert. Wenn du dem Tod so nahe bist, kann dir niemand mehr helfen. Es zählt nur noch, ob dein Leben vor Gott bestehen kann.

Dieses innere Erlebnis nach der Operation hat mich mit einer großen Freiheit gegenüber den Ansprüchen der Welt an mich ausgestattet. Ich habe auch diese Operation überlebt und den Frieden gefunden. …. und es war bereits der 1. Jänner 1991! Welcher Triumph! Das 30. Lebensjahr war erreicht! 14 Tagen später war eine 2. Operation unabwendbar, und nach weiteren 2, 3 Wochen meinte ich erneut Symptome eines Schubs feststellen zu können. Nun stand für mich mit absoluter Sicherheit fest: Das ist das Ende, die Krankheit ist in ein galoppierendes Stadium eingetreten. Ein letztes Ringen, eine endgültige Lebensübergabe an Gott.
Es war eine subjektive Fehldiagnose meinerseits, bald konnte ich das Spital verlassen. In diese Zeit fiel auch ein Traum. Zu viert waren wir unterwegs, zwei Priester und zwei Schwestern, zu einem un¬bekannten Ziel. In der Dämmerung sah ich vor mir vier Lichter – und plötzlich erlosch eines dieser vier Lichter! Ich deutete dieses Licht als Symbol für mein irdisches Leben.

Ich erschrak über mich selbst so sehr, dass ich in den folgenden Tagen viel über mich und meine Lebens¬geschichte nachsann. Ich wurde einer verborgenen, fortwirkenden Autoaggression in mir gewahr. Es war mir, als läge eine dunkle Macht über mir, die mir die Ohren voll schrie: Du bist schuld ... Du bist schuld ...! Es war eine Art von Autoaggression, eine Bindung, gegen die ich nicht anzugehen vermochte.

Nicht viel später fand ein Glaubensseminar für Erwachsene statt, an dem wir ausnahmsweise ein 15jähriges Mädchen aufgrund seiner Glaubensreife teilnehmen ließen. Dieses Mädchen trat plötzlich auf mich zu, …. um zu beichten? Nein, es wollte für mich und meine Heilung beten! Aber ich wollte doch gar nicht mehr, dass noch jemand für mich betete! Am liebsten hätte ich mich irgendwie aus dieser Situation heraus gewunden, aber ich hatte Hemmungen, dieses Kind wegzuschicken. So knie ich mich denn vor das Mädchen hin. Es legt mir die Hände auf und zeichnet mir ein schlichtes Kreuz auf die Stirn mit den Worten: „Jesus heilt dich jetzt. Wenn du glaubst, bist du geheilt!“. In diesem Augenblick sehe ich, wie mir ein Messer aus der Hand geschlagen wird, das gegen mich selbst gerichtet ist. Nun liegt es am Boden, meinen Händen unerreichbar. Es ist die Zartheit, die Verletzlichkeit dieses Kindes, die mir den Griff nach dem Messer verwehrt, dieses Mädchens, das mir Gott geschickt hat.
Einen Tag lang konnte ich mich, sozusagen an einem Ast hängend, „über Wasser halten“. Doch dann ließ ich mich in dieses Meer der Tränen fallen, die ich jahrelang nicht geweint hatte, nicht weinen durfte und wollte. Es war kein Weinen aus Schwäche. Es war mir, als würden unter diesen Tränen Betondecken bersten, Raketen gegen den Himmel schießen, ein Durchbruch zum Leben! Ein Kind hatte die Hölle ausgehoben, ein Kind mit seinem schlichten Gebet!

Zum Zeitpunkt des Seminars war ich schon im Krankenhaus zur Untersuchung angemeldet und wusste nicht, ob mit der seelischen auch eine körperliche Heilung verbunden war. Denn die Schmerzen waren noch nicht abgeklungen. Aber die Ärzte konnten keine Krankheitsaktivität mehr feststellen. Bald verschwanden auch die Schmerzen. Seither hat sich die Krankheit nie mehr wieder zurückgemeldet, und das schon seit fast 10 Jahren! Nun freilich musste ich erst einmal lernen, mit dem Leben zu leben. Denn das Empfinden, dass da eine Zukunft für mich ist, und dass ich die Chance habe, ein normales Alter zu erreichen, war sehr ungewöhnlich für mich.

Und heuer feiere ich schon meinen 40. Geburtstag! Ich habe ein Alter erreicht, in dem sich die ersten Alterserscheinungen zeigen. Wie freue ich mich darüber, sie erleben zu dürfen! Der Triumph der ersten grauen Haare! Die Genugtuung, dass es im Knochengerüst und Sehnengeflecht schon manchmal knackst!

Das Fazit: Ich weiß heute, dass Gott jedes Gebet um Heilung erhört. Alle Jahre meines Leidens waren ein Bestandteil meines Heilwerdens. Was wäre aus mir geworden, wenn Gott mir mit 14 Jahren bereits die vollständige Gesundung geschenkt hätte? Wie hätte er mich da freimachen können gegenüber den Angeboten der Welt? Er hat mich durch das Leiden tief in seinem Herzen verwurzelt. Aus dieser Verwurzelung heraus ist für mich das Leben eine Art Zugabe geworden. Ein Leben, das ich bereits in die Hände Gottes zurückgegeben hatte, ist zu einem Leben in Freiheit und Fröhlichkeit geworden. Zur vorbestimmten Zeit wurden plötzlich die Hebel herumgerissen, von „Tod“ auf „Leben“.

Damit musste ich erst lernen zu leben. Ich bin durch die demütigende „Schule der vollen Hose“ gegangen. Es ist dies ein leidbesetztes Thema, über das zu sprechen mir erst seit 1 Jahr möglich ist. Diese Schule macht es mir heute leicht, vergleichbar demütigende Situationen zu bewältigen. Wir kennen die Lösungen nicht, die Gott in den Situationen bereithält, in denen wir, leidbeladen, fast gegen ihn rebellieren möchten.

Was ich im Kleinen erlebt habe, mag als Zeichen stehen für eine Wirklichkeit des gesamten menschlichen Lebens. Dabei weiß ich, dass es genug Menschen gibt, deren Leiden viel größer waren und sind als das, was ich durchlitt. Schmerzhafter als körperliche Leiden können Leiden sein, deren Ursache in der Zerstörung von Beziehungen liegt. Auch werden die Fragen nach dem Warum und Wozu des Leidens nicht immer schon in diesem Leben beantwortet. Mein Problem hat Gott noch in diesem Leben gelöst, und ich verstehe das als ein Zeichen, das ich verkündigen soll: Jesus, der Erlöser, führt durch das Kreuz hindurch zum Leben. 

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English version    Impressum      Sitemap      Kontakt      Letzte Aktualisierung: 06.03.2007 durch Franz Schiener